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Peter Drauschke – ein Leben, das eigentlich verfilmt werden muss

Mit dem Besuch des DDR-Zeitzeugen Peter Drauschke erwartete die Schülerinnen und Schüler der Klassen SozVers 15-1 und 15-2 etwas ganz Besonderes, eine Abwechslung zum normalen Berufsschulunterricht.

Am 21. März 2017 erzählte Herr Drauschke von seiner tragischen Lebensgeschichte, von seinen Gefühlen und davon, wie er sich in der DDR getäuscht hat und wie er nach der freiwilligen Auswanderung in die DDR schließlich fliehen wollte und verhaftet wurde.
Peter Drauschke wurde 1945 in Hamburg geboren. Die schlimmen Jahre der Nachkriegszeit voller Hunger und Leid prägten ihn. Er war ein wissbegieriger Junge, der schon Jugendcamps in der DDR besuchte und eigentlich überzeugter Kommunist war. Mit 15 trat er der KPD bei. Zuerst begann er eine Ausbildung in Hamburg als Einzelhandelskaufmann, die er schließlich abbrach, um freiwillig in die DDR auszuwandern und das ganz ohne seine Eltern.

Mit 18 Jahren, also nicht einmal volljährig, wollte Drauschke in die DDR auswandern. Bei seiner ersten geplanten Einreise mit seinem Freund Erwin, wurden die beiden von einem Beamten des Bundesverfassungsschutzes aufgehalten. Doch beide konnten es nicht lassen und so gingen sie am 11.09.1963 erneut auf die Reise und landeten schließlich in der DDR. Nach nur 3 Monaten wurde er in Rostock FDJ-Sekretär in einem großen Warenhaus. Nach 1,5 Jahren wurde er zur Kreisleitung berufen, später zur Bezirksleitung. Schließlich begann er an der FDJ Jugendhochschule zu studieren.

Doch Ende 1967 wurde Drauschke klar, dass es nicht mehr so weitergehen kann. Die Praxis des Kommunismus in der DDR widersprach der eigentlichen Theorie. Er konnte die Praxis mit der Theorie nicht mehr vergleichen und der Widerspruch in ihm wurde immer größer. Für ihn wurde in der Praxis nicht das Kriterium der Wahrheit angewendet. Dies ist jedoch eine Grundlage des Kommunismus und wurde schon von Karl Marx begründet.

Schließlich lernte Peter Drauschke seine Freundin kennen. Zwei Jahre später wurde ihm, seiner Freundin und auch seinem Freund Erwin klar, dass sie die DDR verlassen wollen. Doch das war nicht so einfach. Seine Schwester kam ihn schließlich aus Hamburg besuchen und wollte den Dreien helfen. Sie recherchierte, was der beste Fluchtweg war. Der Weg war klar, es sollte über Bulgarien gehen.

Die Drei wollten am 17. Juni 1972 die Flucht antreten, entschieden sich aber dagegen, da dies in Westdeutschland ein Feiertag aufgrund des Volksaufstandes war. Somit begann die Flucht am 18. Juni 1972. Peter, seine Freundin und Erwin waren vorher extra in teuren Uwubu-Läden (Ulbrichts Wucher-Buden) Kleidung einkaufen, damit alle drei so westberlinerisch wie möglich aussahen. Die Herstellungsschnipsel in der Kleidung wurden entfernt und mit BRD-Schnipsel versehen, die seine Schwester vorher gesammelt hat.
Mit dem Zug ging es zuerst nach Berlin Schönefeld und von dort aus mit der Interflug nach Sofia in Bulgarien. Seine Schwester hatte zuvor alles in Hamburg vorbereitet. Sie hatte Pässe besorgt und ist extra 14 Tage vorher zusammen mit ihrem Freund nach Bulgarien geflogen. In Bulgarien angekommen, trafen sie Drauschkes Schwester in einem kleinen naheliegenden Wald. Sie gaben ihr ihre alten Sachen, die sie auf der Toilette herunterspülen wollte. Doch seine Schwester kam nicht wieder. Schließlich wurden sie von Polizisten festgenommen, denn ihre Flucht war aufgeflogen. Der Haftbefehl war klar: Alle Drei wurden als staatsfeindlich betitelt und verurteilt.

Peter Drauschke verbrachte noch drei Wochen in Haft in Bulgarien, währenddessen nahm er 20 Kilogramm ab. Seine Schwester wurde zu acht Monaten Haft verurteilt. Drauschke wurde mit schwarzen Tüchern vor den Augen und an einen Mann gefesselt nach Ostberlin gebracht. Er verbrachte zunächst drei Wochen im Untersuchungsgefängnis in Berlin-Hohenschönhausen und wurde dann nach Rostock in eine Zelle gebracht. Dort verbrachte er die Tage und Nächte auf Stroh, auf dem er gerade liegen musste, die Hände auf der Decke; bei Vernehmungen saß er 16 Stunden auf einem Stuhl ohne Rückenlehne. Seinen Freund Erwin traf es noch schlimmer. Er hatte zweimal eine Scheinhinrichtung.

Peter Drauschke lebte neun Monate in kompletter Isolation, er hatte keinen Kontakt zu anderen Häftlingen. Nach einer weiteren Vernehmung mit circa zehn anderen Mithäftlingen wurde er freigelassen. Grund war eine Amnestie. Die BRD kaufte die Häftlinge für 70.000 bis 150.000 DM frei. Ungefähr ein Jahr später erhielt er eine Urkunde vom Ministerium und konnte schließlich im Herbst 1973 die DDR verlassen.

Peter Drauschke verarbeitet seine tragische Geschichte heute durch Aufklärung und Vorträge an Universitäten und Schulen. Sein Freund Erwin konnte dies nicht. Er nahm sich 1995 das Leben.

Nach dem interessanten und sehr beeindruckenden Vortrag konnten wir unserem Politiklehrer Herrn Deselaers nur zustimmen: „Sein Leben müsste eigentlich verfilmt werden“. Wir sind sehr dankbar für den Besuch des Zeitzeugens Peter Drauschke und für seinen interessanten und emotionalen Vortrag.

Franziska Mahlstedt und Franziska Streeb, SozVers 15-2

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